Arno Stern und die Formulation

Malort Gaildorf

Arno Stern und die Formulation

 

Arno Stern ist der Erfinder des Malorts (clos lieu) und des darin stattfindenden Malspiels, durch das sich die in jedem Menschen angelegte Fähigkeit des freien malerischen Ausdrucks entfalten kann.

 

Arno Stern wurde 1924 in Kassel geboren und musste wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 mit seinen Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Frankreich und in die Schweiz fliehen.

Mittellos und ohne Schulausbildung nahm er nach dem Krieg in Paris eine Stelle in einem Kinderheim für jüdische Kriegswaisenkinder an, die er beschäftigen sollte.

Er ließ sie malen und die Kinder wollten am liebsten den ganzen Tag lang malen. Als eines der Kinder einmal um ein größeres Malblatt bat, befestigte er wegen Platzmangels am Tisch das Malblatt an einer Wand, das löste bei weiteren Kindern denselben Wunsch aus - bald malten die Kinder stehend an den Wänden und die Bilder konnten bis zur Decke wachsen. Auf dem Tisch in der Mitte des Raums befanden sich nun bloß noch die Farben, Wassergefäße und Pinsel. Stern verkleidete die Fensterflächen mit Brettern um die Malfläche zu vergrößern, so dass eine lückenlose Wandfläche die Malstätte umschloss - ein schützender Raum war entstanden, in dessen Geborgenheit das Malspiel beste Bedingungen fand.

 

Schon zu dieser Zeit im Kinderheim erkannte Arno Stern die Ernsthaftigkeit und Bedeutung der malerischen Äußerung der Kinder und wie sehr diese von den äußeren Bedingungen abhängt.

In den 50er Jahren gründete er in Paris die "Donnerstagsakademie", eine Kinderakademie, mit der er bald schon große auch mediale Aufmerksamkeit erregte.

Arno Stern wurde gefeiert als einer, der den Kindern die originellsten Einfälle, beeindruckende Kinderkunst, entlockte.

Doch schon damals war ihm bewussst, dass es sich bei den Äußerungen der Kinder nicht um "Kinderkunst" handelte, dass die Kinder sich kein Werk erarbeiteten, gar nicht auf Wirkung und Kommunikation abzielten, sondern dass sich das spielende Kind eine Welt anlegt - seine eigene ungeteilte Welt. Er entzog sich den Medien und begann seine Forschungsarbeit.

 

Die Formulation

 

 

 

Früh schon war Stern aufgefallen, dass alle Kinder im Malort die gleichen Dinge auf ähnliche Weise malen: Häuser, Menschen, Tiere, Bäume, Blumen, Sonne, Schiffe. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre unternahm er daher lange Reisen zu den letztverbliebenen von Medien und Verschulung noch unerreichten Urvölkern der Erde um die sich ihm aufdrängende Frage zu klären:

Hatten die malerischen Äußerungen der im Malort Malenden universale Gültigkeit oder waren sie abhängig von einem bestimmten Kulturkreis?

Die gewonnene Erkenntnis war verblüffend und richtungsweisend:

Alle Menschen, ob in Paris, Niger, Afganistan, Peru oder Neuguinea, setzen, wenn sie nicht im Malprozess gestört werden, die gleichen malerischen Spuren.

 

Diese universale Formensprache nannte Stern "Formulation" , erforschte und entschlüsselte sie über Jahrzehnte anhand der tausenden von Malblättern, die in seinem Malort und auf den zahlreichen Reisen entstanden waren.

Die allen Menschen eigene Formensprache wurzelt seiner Meinung nach in der organischen Erinnerung des Menschen, die sich dem Verstand entzieht und nicht durch Worte auszudrücken ist, sondern eben nur durch die "Formulation".

Der bildliche Ausdruck der Malortmalenden versteht Stern also als aus dem Unbewussten stammend und nicht als Wiedergabe von äußeren Eindrücken, sondern als Ausdruck eines ererbten Erfahrungsschatzes.

Neuste Forschungsergebnisse aus Genetik, Entwicklungspsychologie, Hirnforschung und Embryologie scheinen zur Anerkennung der "Formulation" beizutragen. Die Psychoanalytikerin und Entwicklungspsychologin Helen I. Bachmann, die selbst viele Jahre in Zürich einen Malort führte, spricht vom "psychophysischen Erfahrungsschatz" aus Embryonalzeit und früher Kindheit, der durch Symbolbildung in den Bildern des Malorts zum Ausdruck komme. Außerdem zeigten die Bilder archetypische Grundstrukturen, die dem Malenden für seine unbewussten Befindlichkeiten zur Verfügung stünden.

Trotz solcher durchaus stützenden Forschungsergebnisse verhält sich Stern sehr reserviert gegenüber der Psychologie, der Psychotherapie und auch der Pädagogik. Die Achtung vor den Malenden und der Wunsch deren Intimität des Erlebens während des schöpferischen Prozesses zu schützen, steht für ihn im Vordergrund.

Den Malort versteht er als Schutz- und Entfaltungsraum, für die einem jedem Menschen innewohnende Fähigkeit zur Kreativität.

 

Arno Stern war als UNESCO-Experte tätig, betreibt bis heute das "Institut für Ausdruckssemiologie" in Paris, wo er weiterhin der Formulation auf der Spur ist, hält Vorträge, bildet zukünftige Malortdienende aus und ist immer noch in seinem Pariser Malort selbst als Dienender tätig.

 

 

Die Stationen der Formulation

 

Die Formulation hat einen doppelten Anfang. Die ersten Spuren des kleinen Kindes sind die gestische Dreh-und Kreisbewegung (von Stern "Giruli" benannt) und die durch impulsives Beklopfen des Papiers entstehenden "Punktili".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von den Eltern häufig wenig beachtet, sind diese ersten gestischen Äußerungen schon ganz und gar erfüllend für das Kind - erste wertvolle Zeugnisse seines Selbst.

 

Später, wenn das Kind motorisch geübter ist und seine Gestik noch stärker kontrollieren kann, tauchen die Grundformen (Erstfiguren) auf; die wichtigsten sind Spirale, Kreis, Kreis mit Zentrum oder gefüllt, konzentrische Kreise, Strahlenfigur, Bogen, Dreieck, Kreuz, Gräte, Leiterfigur und Viereck.

 

 

 

 

 

 

Diese Grundformen erscheinen spontan aufs Papier gestreut, wobei das Papier beim Malvorgang gerne mehrfach gedreht wird. Je nach Kind überwiegt die eine Figur die andere an Häufigkeit, manche werden ausgelassen, andere vielfach wiederholt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn das Kind später Ähnlichkeiten zwischen Dingen seiner Umgebung und seinen Grundformen feststellt, entstehen daraus die Bild-Dinge: Häuser, Blumen, Menschen, Tiere... Im Malspiel spielt das Kind mit den Grundformen und lässt aus ihnen die konkreten Bildinhalte erwachsen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu dem spontanen, absichtslosen Gestalten der Grundformen aus innerem Bedürfnis, gesellt sich nun das absichtsvolle Gestalten - ein Zusammenwirken von Vernunft und innerer Regung.

Der Inhalt des Dargestellten hängt dabei natürlich vom kulturellen Umfeld des Kindes ab, nicht jedoch die Bestandteile der Formulation. Ein Nomadenkind aus Afrika verwendet die Dreiecksform beispielsweise als Zelt, während ein Kind aus Hamburg das Segel eines Schiffes daraus formt.

 

Das größer werdende Kind bemüht sich zunehmend um eine natugetreue Darstellung, darum, die Dinge nicht mehr typisch zu gestalten, sondern so, dass sie möglichst weitgehend mit der sichtbaren Wirklichkeit übereinstimmen. Es interessiert sich für zutreffende Proportionen, Darstellung von Raumtiefe und dataillierte Wiedergabe eines Geschehens. Das Gleichgewicht von Vernunft und Unbeabsichtigtem gerät ins Wanken. Im Jugendalter wird das Zeichnen dann stark von der Vernunft dominiert, aber auch diese Phase ist natürlicher Bestandteil der Formulation. Zu diesem Zeitpunkt spricht man dann häufig von künstlerischer Begabung, weil die naturgetreue Wiedergabe vielen als Höhepunkt der Zeichenkunst gilt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dieser Phase vollzieht sich in der Entwicklung der Formulation noch einmal eine wesentliche Verwandlung. Die Spur der "Großgewordenen" ist jetzt wieder so spontan wie zu Zeiten der Erstfiguren : die Phase der Hauptfiguren lässt frei sich ausdehnende, oft rhythmisch gegliederte Raumgebilde entstehen, in denen die Erstfiguren wieder auftauchen können, aber meist ohne "Inszenierungsaufgabe". Die Dominanz der Vernunft ist überwunden und die Malspielenden schöpfen wieder aus dem absichtslos Spontanen - wohl aber nicht zufällig, denn auch die Hauptfiguren sind Teil der Formulation und Zeugnis der organischen Erinnerung.

"Die Formulation beginnt früh im Leben, sie gehört zu den Spielen des kleinen Kindes und begleitet den Menschen durch sein ganzes Leben" Arno Stern

Diese Strahlenfiguren werden von dem zweijährigen Maler als "Männle" bezeichnet.

Während des Malens rutscht er auf dem Boden liegend ums Papier herum.